Elek­tronik­fer­ti­gungHMLV im Griff: Flexible Auto­ma­tion löst Engpässe auf

In der High-Mix-Low-Volume-Ferti­gung (HMLV) lohne sich Auto­ma­ti­sie­rung kaum, so die gängige Meinung. Doch wer gezielt Nadel­öhre in der Produk­tion entschärft, kann viel gewinnen: Prozess­sta­bi­lität, Qualität und Wirt­schaft­lich­keit. Das zeigt sich beim Nutzen­trennen in der Elek­tronik­fer­ti­gung.

Kürzere Produkt­le­bens­zy­klen, stei­gende Vari­an­ten­viel­falt und vola­tile Märkte verän­dern die indus­tri­elle Ferti­gung grund­le­gend. Klas­si­sche Groß­se­rien verlieren an Bedeu­tung, statt­dessen etabliert sich High-Mix-Low-Volume (HMLV) als neues Normal: viele Vari­anten, kleine Losgrößen – oft inner­halb einer Linie.

Damit geraten etablierte Auto­ma­ti­sie­rungs­kon­zepte an ihre Grenzen. Prozesse, die auf Wieder­hol­ge­nau­ig­keit und lange Lauf­zeiten ausge­legt sind, stoßen bei häufigen Produkt­wech­seln schnell an Effi­zi­enz­grenzen. Beson­ders kritisch sind dabei Engpässe, die den Takt der gesamten Linie bestimmen. In der Elek­tronik­fer­ti­gung zählt das Nutzen­trennen zu diesen Schlüs­sel­pro­zessen.

Vom Seri­en­denken zur Vari­an­ten­rea­lität

Tradi­tio­nell stehen sich zwei Ansätze gegen­über: Stand-Alone-Systeme bieten Flexi­bi­lität, erfor­dern jedoch manu­elle Eingriffe. Inline-Lösungen sind hoch­au­to­ma­ti­siert, gelten aber als wenig vari­an­ten­fähig. In HMVL-Umge­bungen entsteht daher der Eindruck eines Ziel­kon­flikts.

Dass sich dieser auflösen lässt, zeigt ein Projekt aus der Elek­tronik­fer­ti­gung bei Phoenix Contact. Gemeinsam entwi­ckelten SCHUNK Elec­tronic Solu­tions und der Board­hand­ling-Spezia­list ACHAT5 eine Insel­lö­sung mit auto­ma­ti­scher Bela­dung, Nutzen­tren­nung und Palet­tie­rung. Diese führt Flexi­bi­lität und Auto­ma­ti­sie­rung syste­ma­tisch zusammen. Entschei­dend ist dabei ein ganz­heit­li­cher Ansatz, der Prozesse, Mate­ri­al­fluss und Auto­ma­ti­sie­rungs­grad von Beginn an gemeinsam denkt.

Produkt­wechsel ≠ Still­stand

Kern der Lösung ist ein Perspek­tiv­wechsel: Der Produkt­wechsel wird nicht mehr als zeit­rau­bende Hürde betrachtet, sondern als inte­graler Bestand­teil der Lini­en­logik. Soft­ware, Aktorik und Kommu­ni­ka­tion über­nehmen die Anpas­sung an unter­schied­liche Vari­anten.

So stellt sich etwa die Spur­breite des Nutzen­tren­ners auto­ma­tisch ein und auch die Para­meter passen sich ohne manu­elle Eingriffe an. Das Nutzen­trennen wird damit zu einem durch­gängig inte­grierten, auftrags­ge­steu­erten Prozess.

Durch­gän­giges Inline-Konzept für High-Mix-Low-Volume: Nutzen­trenner, Board­hand­ling und Ablage sind zu einer voll­au­to­ma­ti­sierten Linie inte­griert. Bild: Phoenix Contact

Nadel­greifer hand­haben schüt­zende Schaum­stoff­zwi­schen­lagen sicher und posi­ti­ons­genau. Das ermög­licht eine tray­lose Ablage der Leiter­platten im Inline-Prozess.

Flexi­bi­lität beginnt im Greifer

Eine zentrale Rolle spielt das Hand­ha­bungs­kon­zept. Elek­tri­sche Greifer ermög­li­chen die Verar­bei­tung unter­schied­li­cher Leiter­plat­ten­geo­me­trien. Reicht der Verstell­be­reich eines Grei­fers für unter­schied­liche Leiter­plat­ten­größen oder ‑geome­trien nicht aus, erfolgt ein voll­au­to­ma­ti­sierter Grei­fer­fin­ger­wechsel am soge­nannten Grei­fer­bahnhof. Bis zu 276 Finger­paare stehen hierfür bereit. Die Anlage prüft selbst­ständig, ob die für das jewei­lige Produkt benö­tigten Werk­zeuge korrekt gerüstet sind. Rüst­pro­zesse verla­gern sich somit in den Hinter­grund – ohne Einfluss auf die Lini­en­ver­füg­bar­keit.

Abschied vom Tray

Klas­si­scher­weise werden getrennte Leiter­platten in produkt­spe­zi­fi­schen Trays abge­legt. Diese gehören vorge­halten, gewech­selt und korrekt zuge­ordnet – ein erheb­li­cher manu­eller Aufwand, der der Idee einer auto­nomen Linie wider­spricht. Die Projekt­partner wählten für Phoenix Contact daher bewusst einen anderen Weg.

Die Leiter­platten werden schicht­weise in Klein­trans­port­boxen (KLT) abge­legt, getrennt durch Schaum­stoff­zwi­schen­lagen. Den Trans­port und das Hand­ling der Zwischen­lagen über­nehmen speziell entwi­ckelte Nadel­greifer. Sie stechen in den Schaum­stoff ein und posi­tio­nieren ihn präzise über den abge­legten Leiter­platten – das ermög­licht eine sichere Lage­rung unab­hängig von Größe und Anord­nung der Leiter­platten. Feste Trays sind nicht mehr erfor­der­lich.

Dieses Konzept redu­ziert den Rüst­auf­wand erheb­lich und erhöht zudem die Flexi­bi­lität in der Logistik. Unter­schied­liche Produkte können mit denselben Boxen verar­beitet werden, ohne zusätz­li­chen Betriebs­mit­tel­wechsel. Gleich­zeitig sind die Baugruppen geschützt und für nach­ge­la­gerte Prozesse – etwa Montage oder Versand – vorbe­reitet.

Hohe Vari­an­ten­viel­falt und voll­au­to­ma­ti­sierte Inline-Prozesse galten lange als unver­einbar. Jetzt nicht mehr.

Weniger Hand­ar­beit, mehr Wirkung

Ohne diese flexi­blen Optionen sind Bediener mit wieder­keh­renden, wenig wert­schöp­fenden Tätig­keiten beschäf­tigt: manu­elles Umrüsten, Wech­seln von Trays, Eingriffe bei Produkt­wech­seln oder das perma­nente Bestü­cken und Entnehmen von Baugruppen. In der hier reali­sierten Linie redu­ziert sich die Rolle des Bedie­ners im Wesent­li­chen auf die Frei­gabe des Ferti­gungs­auf­trags.

Alle nach­fol­genden Schritte, von der auto­ma­ti­schen Rüstung über die Anpas­sung der Greifer bis hin zur Ablage der Leiter­platten, laufen ohne manu­elle Eingriffe ab. Das schafft nicht nur repro­du­zier­bare Prozesse, sondern ermög­licht es Unter­nehmen auch, quali­fi­zierte Mitar­bei­tende gezielt dort einzu­setzen, wo ihr Know-how den größten Mehr­wert bringt. Vor dem Hinter­grund des zuneh­menden Arbeits- und Fach­kräf­te­man­gels macht dies Auto­ma­ti­sie­rung zu einem stra­te­gi­schen Instru­ment: Sie stabi­li­siert die Herstel­lung, redu­ziert Abhän­gig­keiten von manu­ellen Routinen und trägt zu einer nach­hal­tigen, mitar­bei­ter­ori­en­tierten Produk­ti­ons­ge­stal­tung bei – ein zentraler Baustein einer gesunden Ferti­gungs­um­ge­bung. 


SCHUNK Elec­tronic Solu­tions über­nimmt Achat Engi­nee­ring

Nach Jahren part­ner­schaft­li­cher Zusam­men­ar­beit haben die Unter­nehmen ACHAT5 und SCHUNK Elec­tronic Solu­tions Anfang 2026 beschlossen, ihre Kräfte zu bündeln. Zu den Kern­kom­pe­tenzen des ACHAT5-Teams gehören Board­hand­ling- und Inspek­ti­ons­lö­sungen für die Elek­tronik­fer­ti­gung. Daher bietet SCHUNK Elec­tronic Solu­tions seinen Kunden aus dieser Branche künftig Stand-Alone- sowie Inline-Systeme aus einer Hand – kunden­zen­triert, skalierbar und mit redu­ziertem Schnitt­stel­len­ri­siko.

„Die Zusam­men­füh­rung ist für uns der logi­sche Schritt: Wir erwei­tern unser Port­folio gezielt, um ein modu­la­reres und flexi­bleres Angebot für die elek­tro­ni­sche Baugrup­pen­fer­ti­gung als ganz­heit­liche Lösung aus einer Hand zu ermög­li­chen.“

Ralf Vetter, Geschäfts­führer SCHUNK Elec­tronic Solu­tions

ACHAT5 wurde 2002 gegründet, hat seinen Sitz in Lengede und beschäf­tigt derzeit 23 Mitar­bei­tende. Beide Unter­nehmen bedienen gemein­same Segmente der Elek­tronik­fer­ti­gung, darunter die SMT-Bestü­ckung, und teilen den Anspruch an Co-Inno­va­tion, part­ner­schaft­liche Zusam­men­ar­beit und die konse­quente Prozess­di­gi­ta­li­sie­rung bis hin zur Vision der „Dark Factory“, einer voll­ständig auto­ma­ti­sierten Produk­tion. 

Nach der Vertrags­un­ter­zeich­nung: Nick Heronim (Geschäfts­führer und Gesell­schafter, Achat Engi­nee­ring GmbH), Jürgen Schaff­hausen (Gründer und Gesell­schafter, Achat Engi­nee­ring GmbH), Ralf Vetter (Geschäfts­führer, SCHUNK Elec­tronic Solu­tions GmbH), Kris­tina I. Schunk (CEO, SCHUNK SE & Co. KG), Benjamin Bollinger (Finan­cial Reporting and M&A Manage­ment, SCHUNK SE & Co. KG).

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